Phase 4 · Modul 1

Won/Lost Review

Warum haben wir wirklich gewonnen oder verloren? Ein strukturiertes Framework, das über Bauchgefühl hinausgeht und echte Erkenntnisse liefert.

Die unbequeme Wahrheit hinter jedem Bid-Ergebnis

„Wir waren zu teuer" ist die häufigste Antwort nach einer verlorenen Ausschreibung – und meistens eine Vereinfachung. In der Realität entscheiden Beziehungsqualität, Positionierung im Vorfeld, Angebotspräzision und die Fähigkeit, den Mehrwert überzeugend zu kommunizieren, ebenso stark wie der Preis.

Ohne systematische Won/Lost Analyse wiederholen Teams dieselben Fehler. Der nächste Abgabetermin drängt, die Lessons Learned bleiben im Kopf – und verschwinden mit dem nächsten Personalwechsel. Ein strukturierter Review-Prozess verwandelt Einzel-Ereignisse in institutionelles Wissen.

Der 5-Stufen Won/Lost Review

1

Interne Retrospektive (innerhalb 48h)

Direkt nach Entscheidungsbekanntgabe hält das Bid-Team eine ehrliche interne Nachbesprechung ab – ohne Schuldige zu suchen. Fokus: Was wussten wir wann? Welche Signale haben wir ignoriert? Wo gab es Ressourcenengpässe? Diese Erkenntnisse werden dokumentiert, bevor die Erinnerung verblasst.

2

Kunden-Debriefing anfragen

Professionelles Debriefing-Gespräch mit dem Kunden anfordern – bei verlorenen UND gewonnenen Bids. Bei öffentlichen Ausschreibungen besteht in der Schweiz und der EU ein gesetzlicher Anspruch auf Begründung (Art. 51 BöB / §§ 62 VgV). Bei privaten Ausschreibungen: Beziehung nutzen, aktiv anfragen, ehrliches Feedback wertschätzen.

3

Strukturierte Befragung nach Framework

Das Debriefing folgt einem standardisierten Fragekatalog (siehe unten). Ziel: Vergleichbare Daten über Bids hinweg zu erheben, die später ausgewertet werden können. Offene Fragen zuerst, dann gezielte Nachfragen zu Preis, Technik und Beziehung.

4

Daten erfassen und klassifizieren

Erkenntnisse werden in einem einheitlichen Format dokumentiert und nach Verlustgrund klassifiziert: Preis, Technik, Beziehung, Timing, Wettbewerber, Angebotspräsentation oder interner Prozess. Diese Klassifizierung ermöglicht die spätere Aggregation über viele Bids hinweg.

5

Massnahmen ableiten und nachverfolgen

Aus jedem Review entstehen konkrete, zugewiesene Massnahmen mit Verantwortlichen und Deadline. Die Wirksamkeit wird im nächsten Quartalsgespräch überprüft. Ohne diesen Schritt bleibt die Analyse akademisch – erst die Umsetzung schafft Wert.

Strukturierter Debriefing-Fragekatalog

🏆 Entscheidungsfindung

Was waren die drei wichtigsten Entscheidungskriterien für die Vergabe?
Wie wurde die Entscheidung intern getroffen – Gremium, Einzelperson, Konsens?
Hat sich die Gewichtung der Kriterien während des Prozesses verändert?

💰 Preis & Wert

Wie haben Sie unsere Preispositionierung im Vergleich zum Wettbewerb wahrgenommen?
War der Preis ein ausschlaggebender Faktor oder eher ein Hygienefaktor?
Haben wir den Wert unserer Lösung überzeugend kommuniziert?

🔧 Lösung & Technik

Wie haben Sie unsere technische Lösung im Vergleich zu den Anforderungen bewertet?
Gab es spezifische Anforderungen, die wir nicht oder nicht überzeugend adressiert haben?
Welches Angebot hat in der technischen Bewertung am besten abgeschnitten – und warum?

🤝 Beziehung & Vertrauen

Wie haben Sie unsere Reaktionszeit und Kommunikation während des Prozesses erlebt?
Gab es interne Fürsprecher für unser Angebot – und wurden diese gut unterstützt?
Was würden Sie uns empfehlen, beim nächsten Angebot besser zu machen?

Dos & Don'ts im Kunden-Debriefing

✓ So gelingt das Debriefing

  • Dankbarkeit zeigen und Neugier signalisieren, nicht Rechtfertigung
  • Offene Fragen stellen und aktiv zuhören
  • Auch gewonnene Bids analysieren – dort lernt man, was wirklich funktioniert
  • Zeitnah anfragen (innerhalb 1 Woche nach Entscheid)
  • Ergebnis intern dokumentieren und teilen
  • Folgetermin vereinbaren für die nächste Ausschreibung

✕ Diese Fehler kosten Erkenntnisse

  • Den Kunden mit Argumenten konfrontieren oder widersprechen
  • Debriefing erst Wochen später anfragen
  • Nur verloren Bids reviewen
  • Erkenntnisse nicht dokumentieren oder teilen
  • Feedback persönlich nehmen statt strukturiert aufnehmen
  • Keine Massnahmen aus dem Review ableiten

Die 6 häufigsten Verlustgründe – und was sie bedeuten

Preis

Echter Preisunterschied oder nicht kommunizierter Wert? Preis als Verlustgrund ist oft ein Symptom fehlender Wertargumentation, nicht ein Kalkulationsproblem.

Beziehung / Incumbent

Der Amtsinhaber hat einen strukturellen Vorteil. Fehlende Beziehungsarbeit im Vorfeld ist oft die eigentliche Ursache. Signal: früher in den nächsten Zyklus investieren.

Technische Lücken

Spezifische Anforderungen wurden nicht oder nicht überzeugend adressiert. Lösung: Checklisten und KI-gestützte Gap-Analyse vor Abgabe.

Angebotsqualität

Unklare Struktur, fehlende Nachweise oder schwache Executive Summary. Das beste Angebot gewinnt nur, wenn es auch verstanden wird.

Timing / Reife

Zu früh oder zu spät eingestiegen. Das Projekt war strategisch noch nicht reif oder der Beschaffungsprozess bereits intern entschieden. Signal: frühere Qualifikation in Phase 1.

Wettbewerber-Stärke

Der Wettbewerber hatte echte Vorteile (Referenzen, Preis, Technologie). Lektion: Win/Loss Intelligence aufbauen, um Muster zu erkennen und Positionierung zu schärfen.

🔄 Erkenntnisse in den Lifecycle überführen

Jeder Won/Lost Review sollte konkrete Inputs für Phase 1 (Go/No-Go Kriterien), Phase 2 (Wettbewerbs-Intelligence) und Phase 3 (Angebotsvorlagen) liefern. Ohne diesen Rückfluss ist der Review eine Insellösung – mit ihm wird er zum Motor kontinuierlicher Verbesserung.

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